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Was ist Freundschaft?

Im Allgemeinen versteht man unter dem Begriff der Freundschaft im engeren Sinne eine zwischenmenschliche Beziehung, die getragen wird von Sympathie, Achtung und Vertrauen. Niemand wird ernsthaft einen anderen als seinen Freund bezeichnen, wenn er diesen nicht mag oder in seiner Person missachtet und gering schätzt – und wenn er nicht annimmt, dass auch der andere ihn respektiert und ihm in Sympathie zugetan ist. Als für eine Freundschaft ebenso unerlässlich, wie Zuneigung und Wertschätzung, gilt gegenseitiges Vertrauen, d. h., das sichere Gefühl, im anderen jemanden vor sich zu haben, den man im Wesentlichen einschätzen und auf den man sich verlassen kann. In der Regel ist damit vorausgesetzt, dass Freunde einander auch tatsächlich kennen und sich nicht nur flüchtig miteinander bekannt gemacht haben.

Freundschaft hier und dort, gestern und heute

In Europa würde man kaum jemanden einen Freund nennen, mit dem man sich tags zuvor – wenn auch vielleicht lang und unverhältnismäßig gut – das erste Mal unterhalten hat. Um jemanden wirklich zu seinen Freunden zu zählen, bedarf es hier bei aller vermuteten oder tatsächlichen Sympathie und Wertschätzung üblicherweise mehr als eines einzigen Gespräches, und sei es, dass man dabei in seltener Weise gemeinsame Leidenschaften und geteilte Ansichten entdeckt. Natürlich aber unterscheidet sich das Maß an Vertrautheit, wie es zur Auszeichnung einer Beziehung mit dem Prädikat Freundschaft erforderlich ist, einerseits – wie sollte es auch anders sein – von Person zu Person, andererseits von Gesellschaft zu Gesellschaft.

Was Freunde auszuzeichnen hat, ist nämlich ganz entschieden auch von den jeweiligen sozialen Strukturen und den in einer Gemeinschaft tradierten Vorstellungen abhängig. Der Begriff der Freundschaft, wie er heute in Europa – insbesondere auch in Deutschland – begegnet, ist etwa nicht unwesentlich vom literarischen Schaffen der Romantiker um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert geprägt. Diese hatten in bewusstem oder unbewusstem Reflex auf die im Zuge der Französischen Revolution vor sich gehenden Veränderungen, die mit der Freiheit des Einzelnen auch dessen Unsicherheit bezüglich seines Platzes in der Gesellschaft mit sich brachten, den persönlichen, zwischenmenschlichen Beziehungen eine ganz neue Rolle zugedacht. Liebe und Freundschaft, als von einem jeden selbst und zweckfrei gewählt, würden in ihrer idealen Tiefe nun nicht nur endlich möglich sein. Sie sollten jetzt, wo einem Stand und Herkunft weder länger Fesseln anlegen noch weiterhin Orientierung bieten konnten, schlichtweg zum neuen Fundament des Menschen einerseits und zum Ziel seines selbstbestimmten Lebens andererseits werden. Zum Boden, auf dem man geht, und zum Stern, nach dem man greift. Von der Freundschaft war damit nahezu alles ausgeschlossen, was nicht dem Anspruch der Seelenverwandtschaft genügte.

Zwar hatte schon die griechische Antike den Freund als denjenigen gekannt, der selbstlos, zweckungebunden und eines höheren Sinnes wegen seine Zeit mit einem anderen verbringt, dem er zugetan ist. Doch erst mit der Romantik kam der Anspruch an Vertrautheit in die Freundschaft, wie man ihn heute oft vertreten findet – wenigstens in Europa. In den USA hingegen bezeichnet man einen Menschen, sofern Sympathie und Wertschätzung im Spiel sind, nicht selten schon nach wenigen Begegnungen als einen Freund. Das hat weniger mit einer vermeintlichen und hierzulande oft belächelten Oberflächlichkeit zu tun, als vielmehr mit einer anderen kulturellen Vergangenheit und einem gewissen Pragmatismus, der in Anbetracht weitaus größerer Erwerbs-Mobilität nur allzu verständlich ist.

Freundschaften leben nicht von der Idee allein

Von Nuancen abgesehen, bleibt Freundschaft Freundschaft. Sympathie, Achtung und Vertrauen sind als ihre von Ort und Zeit unabhängigen Konstanten zu betrachten. Immer schon haben Freunde einander gemocht und geschätzt, sich geholfen, getröstet und miteinander gefreut, ohne dafür etwas zu verlangen. Und in allen Ländern werden Freundschaften dadurch gepflegt, dass man Erlebnisse teilt und dann und wann Geschenke macht. Und wenn man dem anderen ein offenes Ohr bietet, ihm etwas Schönes bringt, mit Rat und Tat zur Seite steht, Kontakt hält und nach seinem Befinden fragt, ist das nicht gleichbedeutend damit, dass man sich diese Freundschaft in gewisser Weise “erkaufen” würde. Man gibt ihr nur Nahrung und hegt sie – weil keine Freundschaft nur als Idee bestehen kann. Und niemand wird wollen, dass sie das tut.

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